Björn Kuhligk: Von der Oberfläche der Erde
29. November 2009![]()
Björn Kuhligk: Von der Oberfläche der Erde | Berlin Verlag 2009 | 70 Seiten | 16,00 Euro Bestellen
Von der Oberfläche der Erde können eigentlich fast alle der 6,8 Milliarden Erdenbewohner berichten. Da gibt es nur ein paar Dutzend Personen im Orbit, denen ein anderer eigener Anblick vergönnt ist.
Kuhligk berichtet von realen Gegenständen wie U-Bahnen und S-Bahnen (ÜBER ALLEN ZIPFELMÜTZEN UNRUH):
Die U-Bahnhöfe gibt es, die S-Bahnhöfe
gibt es und auch die Wartebänke
Aber dann kippt es auch ins Abstrakte:
es gibt den Regen, auch das Wasser
und die Rosinenbrötchen und das Verzeihen
Vom scheinbar Banalen geht’s ab in die Welt der Ideen. Und natürlich schwingt da des Wanderers Nachtlied mit.
Der Waschzettel spricht vom Kuhligk-Sound. Damit ist wohl die Juxtaposition von Markennamen (AOL, Konsum), Werbesprüchen (HIER BIN ICH MENSCH, HIER KAUF ICH EIN) mit - natürlich gebrochen - Erhabenen gemeint wie auch die Selbst-Persiflage (Pathos-Arsch) mit entsprechender Schnoddrigkeit. Mit eigenem Sound hatten es sicherlich schon andere Poeten, aber deswegen muss eine solche Eigenheit ja nicht verwehrt werden.
Wie auch in früheren Bänden zeigt sich der Autor weltgewandt oder doch zumindest viel gereist: Klützer Winkel, Spreewald, Praia da Galé, Gordion, Eskişehir, Köln, Berlin. Trotzdem
ist dem Abschnitt ein Motto von Ilse Aichinger vorangestellt: “Wenn einer eine Reise tut, so kann er nichts erzählen … Das gibt dann Lichtbildervorträge.” Damit werden dann kleine sprachliche Dias gezeigt. Das interessiert durchaus die eine oder andere.
Orte ermöglichen dabei Einsichten, aber es fehlt zum Glück der offensichtlich bedeutungsschwangere Hauch. Orte geben jeweils Bedeutung - und sei es der Park.
IN EINEM PARK
…
ins Gebüsch und schnürt den aufblühenden Arm
ein Geräusch, hätte man das Ohr
dicht dran, als würde Kühlwasser
ein Reaktorinneres fluten
Diese Metaphern sind unvergleichlich. Dem Junkie blüht der Arm auf - was blüht ihm (dem Hasenherz) bloß? Wo andere sich die Schuhe schnüren für den Trip, wird hier das Blut im Arm gestaut. Ein Reaktorinneres wird geflutet, um - zumindest bei Kernreaktoren - den Betrieb aufzunehmen, die Kernspaltung vorzubereiten. Ach nein. Da gab es schon die kleine Aster, die in der heute so beliebten Gerichtsmedizin dem ersoffenen Bierfahrer eingenäht wurde.
Das Widerständige, das Unprätentiöse usw., das an anderer Stelle konstatiert wurde, ist nicht mehr so neu und verkündungswürdig. Außerdem spricht Kuhligk vom Konkreten selbstverständlich auch symbolisch, eben lyrisch. Da hat der Himmel eben etwas Auratisches - als gehackter Goldregen.
Irgendwie gehört Kuhligk zwar zu den Erdbewohnern auf der Oberfläche. Dennoch gehört er dann doch zu eine besonderen Gruppe, denen ein eigener Anblick vergönnt ist. Allerdings benötigt diese besondere Gruppe dafür keine Raketentriebwerke und lässt uns dabei direkt teilhaben.