Rolf Dieter Brinkmann:
Westwärts 1 & 2.
Rowohlt 1998; 186 S.; 18,90 DM = 9,66 €( )
Rolf Dieter Brinkmann, 1940 in Vechta geboren, entfloh der niedersächsischen
Provinz, um zunächst in Essen in der geistigen Provinz einer katholischen
Buchhandlung eine Ausbildung zu beginnen. Dort nämlich bestand sein erstes
Lehrjahr darin, im Keller Gebetbücher auszupacken.
Bald darauf begann er, nun in Köln, mit Texten zu experimentieren und
diese zu veröffentlichen. Es entstand gemeinsam mit Ralf-Rainer Rygulla
die 1969 im Maerz-Verlag herausgegebene legendäre Pop-Anthologie "ACID.
Neue amerikanische Szene", mit welcher der amerikanischen Pop-Art-Literatur
und ihm selbst ein Durchbruch in der BRD gelang. Brinkmann entwickelte
sich zum aggressiven Kritiker des gängigen Literaturbetriebs - er griff
während Lesungen bekannter Autoren diese scharf an - wie auch zum Kritiker
der Kritiker, denn auch die damals verkündete Parole vom "Tod der Literatur"
erschien ihm sinnlos. Er entwirft Text-Bild-Collagen, bis die Texte hinter
die Bilder zurückzutreten beginnen. Anfangs ein Teil der "Protestgeneration"
wandelt sich seine Stimmung mehr und mehr in Ekelzustände: "... die neue
Generation - schlicht zum Kotzen..."
1975 geriet er, ein passionierter Autohasser, im wörtlichen Sinne unter
die Räder. Mitten in London am Picadilly Circus eilte er über die Straße
auf dem Weg zum Pub des Shakespeare-Hauses, ohne auf den Verkehr zu achten.
Er starb mit 35 Jahren und reiht sich ein in die Liste der jung gestorbenen
berühmten deutschen Dichter (Kleist 34, Georg Büchner 23, Georg
Heym 24...). Im Rowohlt-Verlag ist jetzt in einer Neuauflage der von Brinkmann kurz
vor seinem Tod geschriebene Gedichtband "Westwärts 1 & 2" alsTaschenbuchausgabe
erschienen. |
Bernhild Voegel:
Denkstätte Schillstraße.
Jugendring Braunschweig 1998; 94 S.; 16,80 DM = 8,59 €( )
Major Ferdinand von Schill gilt als ein "deutscher Patriot", gar als
eine Art Guerillakaempfer des beginnenden 19. Jahrhunderts. Lieferten er
und seine Soldaten sich doch einige Scharmützel mit den napoleonischen
Truppen, welche 1806 Preussen besiegt hatten. Der Widerstand des Ferdinand
von Schill beruhte dabei wohl auf einer weitverbreiteten Stimmung, wie
sie z. B. Heinrich von Kleist über "den Franzosen" kundtat: "Schlagt ihn
tot! Das Weltgericht / fragt euch nach den Gründen nicht." Stattdessen
wurde aber Schill füsiliert und seine Überreste mit denen von 14 seiner
Soldaten im Sockel des "Schilldenkmals" in der Braunschweiger Schillstraße
verscharrt. Bis 1996 fanden am Schilldenkmal Gedenkstunden fragwürdigster Art statt.
Seit Ende der 80er Jahre wurde Kritik laut, 1994 gab es massive Auseinandersetzungen
zwischen Antifaschisten und Polizei. Eine besondere Brisanz ergab sich
daraus, daß in unmittelbarer Nachbarschaft des Denkmals das KZ-Außenlager
Schillstraße stand, in dem Menschen aus dem KZ Auschwitz für die Braunschweiger
Büssingwerke zur Zwangsarbeit eingesetzt wurden. Diese Baracken wurden
1959/60 abgerißen. "Der Ort Schillstraße... ist ein hervorragender geschichtlicher Lernort",
schreibt Bernhild Voegel. Dies scheint nun auch die Stadt Braunschweig
erkannt zu haben, wobei die Frage nach den Motiven dieser Erkenntnis ein
eigenes Kapitel wert wäre. Jedenfalls wurde die Hamburger Künstlerin
Sigrid Sigurdsson mit dem Entwurf einer Gedenkstätte für das KZ-Außenlager
beauftragt. Dabei entstand ein in Deutschland bislang einmaliges "Offenes
Archiv": Mehr als 60 Institutionen und Einzelpersonen wurden aufgefordert,
ihre Erinnerungen und Gedanken in mit leeren Blättern gefüllten Kassetten
darzulegen. Auszüge daraus werden an der Gedenkstätte erscheinen. "Denkstätte Schillstraße" beschreibt und dokumentiert die Entwicklung
sowohl des KZ-Außenlagers wie des Schilldenkmals. Die Bedeutung der Schillstraße
weist über die Braunschweiger Stadtgrenzen hinaus: Es ist in der Tat ein
exemplarischer Ort historischen Lernens. |