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Buchtips Januar 1999
Belletristik
Sachbuch
Saramago
Kunzelmann
José Saramago:
Hoffnung im Alentejo.
Rowohlt 1987;
313 S.; 14,90 DM = 7,62 €(Wenn da keine Euro-Zeichen steht: Bitte auf EURO updaten!)
"Gastrezension" von Carsten Hübner
Mit dem Portugiesen Saramago ist 1998 ein Romancier mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet worden, dessen Werk sich nicht nur durch einen gleichsam rücksichtslosen wie liebevollen Blick auf Mensch und Gesellschaft auszeichnet, sondern das mindestens ebenso besticht durch sprachlichen Reichtum und eine Erzählweise, die Poesie und Märchen, die Gesellschaftskritik und politische Parteilichkeit zu einem Ganzen verschmelzen läßt, ohne dabei auch nur im entferntesten ins Agitatorische oder Aufdringliche abzugleiten. Exemplarisch für diesen ganz eigenen Stil - den man vielleicht am ehesten noch mit Nagip Machfus` "Die Kinder unseres Viertels" oder den Werken von Garcia Marquez vergleichen kann - ist Saramagos Roman "Hoffnung im Alentejo", der 1979, also fünf Jahre nach der Nelkenrevolution, erschienen ist. Darin zeichnet er die Geschichte der Tagelöhnerfamilie Mau-Tempo (Schlechtwetter) von Beginn dieses Jahrhunderts bis kurz nach der Revolution 1974, verfolgt ihr Schicksal in der portugiesischen Provinz Alentejo über insgesamt vier Generationen. Eindringlich und in überwältigenden Bildern schildert er die inhumanen Lebens- und Arbeitsbedingungen auf den Latifundien der Patrons, der übermächtigen Großgrundbesitzer, erzählt von der Allgegenwart des politischen Geheimdienstes PIDE und der Guarda, einer Polizeieinheit, die auf dem Land die Macht der Patrons und der Salazar-Diktatur rücksichtslos durchsetzt und jeden Ruf der Bevölkerung nach Würde und ihr Aufbegehren gegen ein unerträgliches Dasein gewaltsam zu unterbinden versucht. Noch stärker als die Beschreibung der bedrückenden Hoffnungslosigkeit ist jedoch die Sprache, die Saramago für das Menschliche, für die Landschaft und für die Solidarität unter den sich zaghaft organisierenden Landarbeitern und ihren Familien findet. Sie ist durchdrungen von einer tiefen Liebe zum Alentejo, dem "Land der Sonne, des Weizens, der Olivenhaine und Korkeichen" und von einer herzlichen Parteilichkeit für die Unterdrückten - trotz, oder gerade wegen ihrer persönlichen Widersprüchlichkeit. Denn Menschen sind es, die ihre Hoffnungen nicht begraben wollen, die sich nach Liebe, Gerechtigkeit und einem Leben sehnen, das auch wirklich eines ist. Und sie sind es auch, die diesem Traum am Ende des Romans schließlich einen Schritt näher gekommen sind - ohne im pathetischen Sinn Helden werden zu müssen. Ein Buch, das Spuren hinterläßt und empfindlich macht.
Dieter Kunzelmann:
Leisten Sie keinen Widerstand!
Bilder aus meinem Leben.
Transit 1998; 207 S.;
38,00 DM = 19,43 €(Wenn da keine Euro-Zeichen steht: Bitte auf EURO updaten!)

Dieter Kunzelmann, der sich eine einjährige Haftstrafe nicht mehr zumuten wollte, verschwand Ende 1997 hinter der dänischen Grenze. Sein letztes Lebenszeichen war die in Island verfaßte Ankündigung seines Freitods. Schließlich erschien noch eine Traueranzeige in einer Berliner Zeitung mit dem Text: "nicht nur über sein Leben, auch über seinen Tod hat er frei bestimmt". Nun gibt es aber Menschen, die dem alten Spaßguerillero durchaus eine Wiederauferstehung zutrauen, und wer sein Buch liest, hat auch nicht den Eindruck, es mit einem allzu Lebensmüden zu tun zu haben. Es ist eine spritzige und witzige Biographie, die den Werdegang eines wesentlichen Teils deutscher Fundamentalopposition nicht nur begleitet, sondern an wesentlichen Punkten mitbestimmt. Das reicht von der "Gruppe Spur" in München über die Kommune 1 in Berlin, Verirrungen in ML-Organisationen, Hausbesetzerbewegungen und Tätigkeiten als gefürchteter Abgeordneter im Berliner Senat bis zu (vorläufig?) letzten Eierattentaten auf den Berliner Regierenden Bürgermeister anläßlich der Einweihung des "neuen" Potsdamer Platzes.

"... fast beiläufig und dezent zerdrückte ich mit dem Handballen das rohe Frischei auf dem schütteren Haupt des Regierenden Bürgermeisters und gratulierte ihm gleichzeitig zu seinem neuen Kopfschmuck mit den Worten: `Frohe Ostern, Sie Weihnachtsmann!´."

Die Schilderung politischer Entwicklung durchsetzt er mit allerlei interessanten Plaudereien aus dem Nähkästchen. Z. B. den Besuch von Jimi Hendrix in der Kommune 1 und die damit verbundenen Probleme der Uschi Obermeyer.Oder: Wie Rainer Langhans auf Kosten seines Mitkommunarden versucht, aus dem Knast zu kommen, weil er das Gefängnis nicht als die ihm angemessene Lebensweise betrachtet. Nicht zuletzt ist die hervorragende Ausstattung des Buches mit Illustrationen und dokumentarischen Beiträgen zu erwähnen.


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Last updated: 09.01.1998.