Michel Houellebecq:
Ausweitung der Kampfzone.
Wagenbach 1999; 156 S.;
32,00 DM = 16,36 €( )
"Mir fällt auf, daß ich
in letzter Zeit immer mehr rauche; ich muß mindestens bei vier Schachteln
pro Tag angelangt sein. Zigarettenrauchen ist das einzige Stück echter Freiheit in
meinem Leben. Das einzige, was ich aus vollster Überzeugung und ganzer Seele tue. Mein einziger Lebensinhalt." Der dies von sich sagt, ist Informatiker bei einer Software-Firma.
Er reist im Kundenauftrag, um Käufern von Software-Produkten das Umgehen mit diesen verständlich zu machen. An sich ein Job, in dem Kommunikation ein und alles ist. Tatsächlich handelt es sich um einen vollständig vereinsamten Menschen, der permanent
an den Grenzen zwischenmenschlicher Kommunikation scheitert. Die Welt bietet sich ihm dar als eingeteilt in Kampfzonen, vor allem der wirtschaftlichen und der sexuellen: "In einem
völlig liberalen Wirtschaftssystem häufen einige wenige beträchtliche
Reichtümer an; andere verkommen in der Arbeitslosigkeit und im Elend.
In einem völlig liberalen Sexualsystem haben einige ein abwechslungsreiches
und erregendes Sexualleben; andere sind auf Masturbation und Einsamkeit beschränkt." So entsteht eine Erzählung, wie sie schwärzer kaum sein
könnte, denn der Autor beschreibt nicht nur eine an den gesellschaftlichen
Regeln und Maßstäben gescheiterte Existenz, sondern in deren
Umfeld gleich mehrere. Um nicht zu sagen: alle deutlich in Erscheinung tretenden Personen sind kaputt. In völliger Aussichtslosigkeit haben sie ihre Träume entweder aufgegeben oder scheitern zwangsläufig bei dem Versuch, sie zu realisieren. Die ins menschlich-apokalyptische gesteigerte Handlung ist wie ein Brennspiegel, der reale gesellschaftliche Entwicklungen ins
Äußerste getrieben zeigt. So kann man dem Autoren auch nicht vorwerfen, seine Darstellung sei aufgrund ihrer Einseitigkeit einfach falsch. Denn ist es nicht in der Tat so, daß in einer Zeit scheinbar grenzenloser Kommunikation die Vereinsamung des Menschen paradoxer- oder auch dialektischerweise zunimmt und ist es nicht so, daß intimste
Bereiche den Gesetzen des Marktes unterworfen werden? |
Sven Lindqvist:
Durch das Herz der Finsternis.
Campus 1999; 230 S.; 36,00 DM = 18,41 €( )
Sven Lindqvist ist Schriftsteller und
als Literaturhistoriker und Honorarprofessor an der Universität Uppsala
tätig. 66jährig reist er in einem Bus durch Schwarzafrika. Er
führt nicht viel mehr mit sich als seine Kleidung, einen Laptop und
einen Satz im Kopf, welcher lautet: "Schlagt diese Bestien alle tot!" Dieser
Satz erscheint in Joseph Conrads Roman "Herz der Finsternis" als Aussage
eines Kolonialisten namens Kurtz, der darin die Quintessenz seines Aufenthaltes
in Afrika findet. Dieser Satz wird für Lindqvist das Leitmotiv auf seiner Suche nach Spuren europäischer Völkermorde in Afrika. Lindqvist schreibt eine Art Geschichtsprosa, versetzt mit Momentaufnahmen seiner stattfindenden Reise. Das macht das Buch sehr lesbar, ohne daß der analytische und historisch-kritische Blick darunter leidet. Lindqvist
versucht, einen Bogen von den Ursprüngen und Hochzeiten des europäischen Kolonialismus bis zum NS-Holocaust zu ziehen. Sicher sei der Holocaust ein singuläres
Ereignis gewesen und dürfe nicht relativiert werden. Aber er habe seine Vorgeschichte.
Im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren die Massaker des
europäischen Imperialismus alltägliche Außenpolitik, wie
Lindqvist mit Bezug auf Hannah Arendt schreibt. Anfangs gab es gerade in
Deutschland Kritiker dieses Prozesses, aber nur, solange Deutschland nicht
selbst eigene Kolonien besaß. Ab diesem Zeitpunkt entstand auch in
Deutschland mit dem "Alldeutschen Verband" eine extrem-rassistische Organisation,
die das gesellschaftliche Leben prägte und in deren Fußstapfen
die Nationalsozialisten treten konnten. Aber Lindqvist blickt auch in die
Zukunft: der Ausspruch von Kurtz - "Schlagt diese Bestien alle tot!" -
sollte schließlich auch eine Lösung des Bevölkerungswachstums
bei abnehmendem Bedarf an Arbeitskräften bieten; eine Situation, wie
sie wieder aktuell zu werden scheint: "Noch scheint der Druck der Milliarden
hungernder und verzweifelter Menschen die Machthaber der Welt nicht dazu gebracht
zu haben, Kurtz´ Entschluß als die einzig menschliche, die einzig mögliche und die einzig vernünftige Lösung zu betrachten. Der Tag allerdings, an dem das der Fall sein wird, scheint mir nicht mehr allzu fern. Ich sehe ihn kommen." |