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Buchtips Juni 1999
Belletristik
Sachbuch
Jahnn
Lindqvist
Michel Houellebecq:
Ausweitung der Kampfzone.
Wagenbach 1999; 156 S.;
32,00 DM = 16,36 €(Wenn da kein Euro-Zeichen steht: Bitte auf EURO updaten!)
"Mir fällt auf, daß ich in letzter Zeit immer mehr rauche; ich muß mindestens bei vier Schachteln pro Tag angelangt sein. Zigarettenrauchen ist das einzige Stück echter Freiheit in meinem Leben. Das einzige, was ich aus vollster Überzeugung und ganzer Seele tue. Mein einziger Lebensinhalt."
Der dies von sich sagt, ist Informatiker bei einer Software-Firma. Er reist im Kundenauftrag, um Käufern von Software-Produkten das Umgehen mit diesen verständlich zu machen. An sich ein Job, in dem Kommunikation ein und alles ist. Tatsächlich handelt es sich um einen vollständig vereinsamten Menschen, der permanent an den Grenzen zwischenmenschlicher Kommunikation scheitert. Die Welt bietet sich ihm dar als eingeteilt in Kampfzonen, vor allem der wirtschaftlichen und der sexuellen: "In einem völlig liberalen Wirtschaftssystem häufen einige wenige beträchtliche Reichtümer an; andere verkommen in der Arbeitslosigkeit und im Elend. In einem völlig liberalen Sexualsystem haben einige ein abwechslungsreiches und erregendes Sexualleben; andere sind auf Masturbation und Einsamkeit beschränkt."
So entsteht eine Erzählung, wie sie schwärzer kaum sein könnte, denn der Autor beschreibt nicht nur eine an den gesellschaftlichen Regeln und Maßstäben gescheiterte Existenz, sondern in deren Umfeld gleich mehrere. Um nicht zu sagen: alle deutlich in Erscheinung tretenden Personen sind kaputt. In völliger Aussichtslosigkeit haben sie ihre Träume entweder aufgegeben oder scheitern zwangsläufig bei dem Versuch, sie zu realisieren. Die ins menschlich-apokalyptische gesteigerte Handlung ist wie ein Brennspiegel, der reale gesellschaftliche Entwicklungen ins Äußerste getrieben zeigt. So kann man dem Autoren auch nicht vorwerfen, seine Darstellung sei aufgrund ihrer Einseitigkeit einfach falsch. Denn ist es nicht in der Tat so, daß in einer Zeit scheinbar grenzenloser Kommunikation die Vereinsamung des Menschen paradoxer- oder auch dialektischerweise zunimmt und ist es nicht so, daß intimste Bereiche den Gesetzen des Marktes unterworfen werden?
Sven Lindqvist:
Durch das Herz der Finsternis.
Campus 1999; 230 S.;
36,00 DM = 18,41 €(Wenn da kein Euro-Zeichen steht: Bitte auf EURO updaten!)
Sven Lindqvist ist Schriftsteller und als Literaturhistoriker und Honorarprofessor an der Universität Uppsala tätig. 66jährig reist er in einem Bus durch Schwarzafrika. Er führt nicht viel mehr mit sich als seine Kleidung, einen Laptop und einen Satz im Kopf, welcher lautet: "Schlagt diese Bestien alle tot!" Dieser Satz erscheint in Joseph Conrads Roman "Herz der Finsternis" als Aussage eines Kolonialisten namens Kurtz, der darin die Quintessenz seines Aufenthaltes in Afrika findet. Dieser Satz wird für Lindqvist das Leitmotiv auf seiner Suche nach Spuren europäischer Völkermorde in Afrika.
Lindqvist schreibt eine Art Geschichtsprosa, versetzt mit Momentaufnahmen seiner stattfindenden Reise. Das macht das Buch sehr lesbar, ohne daß der analytische und historisch-kritische Blick darunter leidet. Lindqvist versucht, einen Bogen von den Ursprüngen und Hochzeiten des europäischen Kolonialismus bis zum NS-Holocaust zu ziehen. Sicher sei der Holocaust ein singuläres Ereignis gewesen und dürfe nicht relativiert werden. Aber er habe seine Vorgeschichte.
Im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren die Massaker des europäischen Imperialismus alltägliche Außenpolitik, wie Lindqvist mit Bezug auf Hannah Arendt schreibt. Anfangs gab es gerade in Deutschland Kritiker dieses Prozesses, aber nur, solange Deutschland nicht selbst eigene Kolonien besaß. Ab diesem Zeitpunkt entstand auch in Deutschland mit dem "Alldeutschen Verband" eine extrem-rassistische Organisation, die das gesellschaftliche Leben prägte und in deren Fußstapfen die Nationalsozialisten treten konnten. Aber Lindqvist blickt auch in die Zukunft: der Ausspruch von Kurtz - "Schlagt diese Bestien alle tot!" - sollte schließlich auch eine Lösung des Bevölkerungswachstums bei abnehmendem Bedarf an Arbeitskräften bieten; eine Situation, wie sie wieder aktuell zu werden scheint: "Noch scheint der Druck der Milliarden hungernder und verzweifelter Menschen die Machthaber der Welt nicht dazu gebracht zu haben, Kurtz´ Entschluß als die einzig menschliche, die einzig mögliche und die einzig vernünftige Lösung zu betrachten. Der Tag allerdings, an dem das der Fall sein wird, scheint mir nicht mehr allzu fern. Ich sehe ihn kommen."

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Last updated: 12.06.1999.