Die Dicke (kartoniertes Buch)

Roman
ISBN/EAN: 9783938803981
Sprache: Deutsch
Umfang: 280 S.
Format (T/L/B): 1.9 x 20.7 x 13.3 cm
Einband: kartoniertes Buch
Auch erhältlich als
Vorrätige Exemplare
24,00 €
(inkl. MwSt.)
Sofort Lieferbar
In den Warenkorb
Maria Luísa ist jung, intelligent, eigensinnig. Sie ist eine gute Schu¨lerin und verfolgt auch später konsequent ihren eigenen Weg. Doch sie ist dick. Hoffnungslos dick. Dieser Umstand u¨berlagert und beschädigt alles: ihre sozialen Kontakte, ihr Gefu¨hlsleben (die komplizierte Beziehung zu David, ihrer großen Liebe), ihren Wirklichkeitsbezug. Schon als Teenager leidet sie darunter und muß in resigniertem Schweigen das Mobbing durch ihre Mitschu¨ler ertragen. Neben ihrer dominanten Freundin Tony - schlank, schön und von allen Jungs umschwärmt - ist sie 'das Monster', 'der Blauwal'. Im Studium lernt sie David kennen. Obwohl er ihren Körper begehrt, schämt er sich vor seinen Freunden fu¨r ihr Aussehen und bittet sie, ihn nicht mehr zu besuchen. Er beendet die Beziehung, doch kann sich Maria Luísa nicht vollends von ihm lösen. Von den eigenen Eltern fu¨hlt sie sich bedrängt und eingeschränkt, dennoch werden sie ihr nach deren Tod fehlen. Als Erwachsene faßt Maria Luísa den Entschluß, ihren Magen operativ verkleinern zu lassen. Die Erzählerin dieses autobiographischen Romans geht durch die Räume der Wohnung, die sie mit ihren Eltern nach deren Ru¨ckkehr aus Mosambik bewohnt hat; die einzelnen Zimmer bilden die Kapitelu¨berschriften.
Isabela Figueiredo wurde 1963 in Lourenço Marques, dem heutigen Maputo, geboren. 1975, nach der Nelkenrevolution und Mosambiks Unabhängigkeit, verließ sie Afrika allein, ihre Eltern sah sie erst zehn Jahre später in Lissabon wieder. Das Buch u¨ber ihre Kindheit in Afrika, Roter Staub, erschien 2019 im Weidle Verlag, u¨bersetzt von Markus Sahr. Marianne Gareis studierte Lateinamerikanistik, Anglistik und Ethnologie. Seit 1989 u¨bersetzt sie aus dem Portugiesischen und Spanischen, z. B. José Saramago, Gonçalo M. Tavares, Joaquim Machado de Assis, Andréa del Fuego, Sergio Álvarez und Samanta Schweblin. 2014 wurde sie mit dem Straelener Übersetzerpreis ausgezeichnet, 2018 mit dem Hieronymusring des Verbands deutschsprachiger Übersetzer.
Das Brot hält mich am Leben. Stillt meinen Hunger. Morgens gehe ich zur Schule und kaue alte Brötchen, belegt mit dicken Scheiben Quittengelee. Mein Körper braucht den kräftigen Geschmack dieser Frucht, der sich im Mund mit dem Teig mischt und dabei den Magen fu¨llt. Mein Weg fu¨hrt fu¨r eine lange Strecke u¨ber freies Feld. Dort wachsen Mohnblumen und Kräuter, die ich in dem Land, aus dem ich komme, nie gesehen habe. Unterwegs mache ich halt und betrachte im Fru¨hling die bunte Wiese und im Winter die mit einer Eisschicht u¨berzogenen Kräuter. Mit den Fingerspitzen wische ich den Rauhreif weg, der sich u¨ber Nacht auf den Blättern gebildet hat. Was fu¨r eine Eiseskälte! Wie u¨bersteht die Natur nur so viel Rauheit? Mittags meide ich den Speisesaal, aus dem ein Geruch nach richtigem Essen kommt. Ich kaufe mir in der Cafeteria Sandwiches mit Tomatenmarmelade,schlinge sie gierig hinunter und spare die restlichen Mu¨nzen fu¨r Briefmarken, damit ich meinen Eltern, Verwandten und Freunden schreiben und mich wieder mit dem Teil verbinden kann, den man mir amputiert hat. Ich behaupte, mein Hunger aus dieser Zeit ist meinem Magen entsprungen, meiner Mitte, aber wo er genau herkam, werde ich wohl nie erfahren. Ich habe ihn weggedru¨ckt und mit Fu¨ßen getreten. Er war ein Schmerz, der nicht tötete, ähnlich der Sehnsucht nach einem lieben Menschen, der gestorben ist. Hastig schluckte ich das Essen hinunter, ohne es zu kauen. Spu¨rte kurz seinen köstlichen Geschmack, und der Brocken fiel hinab in meinen Magen und fu¨llte ihn wie einen Kartoffelsack. Ist das Hungermonster gesättigt, ist es ein großartiger Freund. Und ich fu¨hle mich getröstet. Ist es hungrig, bohrt es seinen Stachel in meinen Magen, damit ich es nicht vergesse. Und ich vergesse es nicht. Beruhige dich, Hunger, hier hast du deinen Tribut! Brot mit Marmelade. Brot mit Butter. Brot mit Chorizo. Lieber hätte ich Hunger in der Lunge verspu¨rt, denn den hätte ich mit tiefem Luftholen stillen können, oder Hunger im Herzen, dann wäre ich losgerannt und hätte meinen Puls beschleunigt. Doch mir fiel dieses vielköpfige Hungermonster in meinem Magen zu, mit einer Verbindung zum Hirn. Es ist, als wu¨chsen im dunklen, feuchten Innenraum meines Körpers Pilze. Hungersporen, ausgesät bei meiner Geburt. Wäre ich gleich das geworden, was ich werden sollte, hätte ich Frieden geschlossen mit dem Monster und mit ihm geschlafen wie mit einem Hund. Ich gru¨ble. Käue wieder. Verfluche. Ich bin noch nicht das, was ich werden soll. Aber was ist es, das mich erwartet?